Archiv Siegfried
Lichtenstaedter

Am 30. Mai 1993 fällt J. Isaksen in einem Istanbuler Antiquariat ein Konvolut in die Hände, das eine bemerkenswerte Parabel aus dem Jahre 1926 enthält. Das prophetische Gleichnis, so stellt sich bald heraus, hat bei Zeitgenossen und Nachwelt kein Gehör gefunden. Seitdem betreibt Isaksen Archäologie an der verschütteten Biographie des unerhörten jüdischen Exekutors Siegfried Lichtenstaedter (1865-1942).

Hier entsteht eine Dokumentation der Recherche

Antisemitica
Anthropopolis 1926

»Meine Prophezeiungen waren, wie man sieht, größten Teils verfehlt – aber nicht fehlerhaft.
Wäre es nicht doch etwas paradox, sogar sündhaft und zu unbescheiden, so würde ich sagen: Meine Prophezeiungen waren richtig, die Ereignisse dagegen falsch!«

Siegfried Lichtenstaedter, Nachbemerkung aus dem Jahre 1935

Der jüdische Exekutor
Lebensparabel eines Staatsdieners

Homo Ignotus
Der Unerhörte

»Ich bin – trotz meiner 73 Lebensjahre – ein 'homo ignotus', einem breiten Publikum praktisch unbekannt. Ich hatte im öffentlichen Leben nie einen Posten inne, habe nie ein ehrenhaftes Amt bekleidet, habe auch nie einen Verein oder eine Einrichtung ins Leben gerufen. Ich kann auf keine gesellschaftlichen „Beziehungen“ verweisen, habe kein Talent als Redner, mein Mundwerk ist nicht besonders rege. Persönlichen Einfluß irgendwelcher Art habe ich nicht, mir fehlt schlicht die Veranlagung für das gesellschaftliche Parkett. Mein Blick bannt niemanden, meine Stimme ist schwach, nicht daß meine Statur mir eine besondere Präsenz gäbe, meine Erscheinung ist zudem nicht besonders elegant. Nicht einmal ein größeres Vermögen habe ich. Ich führe ein sehr zurückgezogenes Leben, nahezu einem Einsiedler gleich.«

Appell an Amerika, 1938

Deportation und Tod
Theresienstadt

»Meine Stimme fand kein Gehör; es bleibt mir der bittersüße Trost:
Ich habe geredet, also meine Seele gerettet« – Lichtenstaedter, 1938

8.1.1865 — 6.12.1942